MSCI World, SP 500 oder Europa: Wie findet man sich zurecht?

Wenn man beginnt, in ETFs zu investieren, stößt man meist schon sehr schnell auf dieselben Begriffe: MSCI World, S&P 500 oder Europa.

Je mehr Artikel man liest, Videos anschaut oder sich in Foren informiert, desto eher entsteht der Eindruck, man müsse unbedingt den besten ETF finden. Manche setzen auf die USA, andere bevorzugen eine weltweite Streuung. Wieder andere fühlen sich Europa stärker verbunden und vertreten ihre jeweilige Sichtweise mit eigenen Argumenten.

Anfangs habe ich die Frage genauso betrachtet. So, als gäbe es irgendwo die eine offensichtliche Antwort und man müsste sie nur finden.

Mit etwas Abstand betrachtet glaube ich, dass die Entscheidung weniger kompliziert ist, als sie auf den ersten Blick wirkt. Ein MSCI World ETF, ein S&P-500-ETF und ein Europa-ETF erzählen nicht dieselbe Geschichte. Hinter diesen drei ETF-Familien verbergen sich vielmehr drei leicht unterschiedliche Sichtweisen auf die Weltwirtschaft und den langfristigen Vermögensaufbau. Bevor wir ihre Vor- und Nachteile vergleichen, lohnt es sich zu verstehen, was man mit jeder dieser Varianten tatsächlich kauft.

Seit Beginn dieser Serie haben wir über Ziele, Sparen, Regelmäßigkeit, Vermögensallokation und ETFs gesprochen. Die Grundlagen sind nun gelegt.

Ab diesem Punkt werden die Entscheidungen deutlich konkreter: Es geht nicht mehr nur darum, die grundlegenden Prinzipien des Investierens zu verstehen. Nun kann man beginnen, über den tatsächlichen Aufbau eines Vermögens nachzudenken: Welche ETFs soll man nutzen? Wie lassen sie sich kombinieren? Welchen Platz sollten liquide Mittel, Sicherheit oder andere Anlageklassen wie Gold einnehmen? Mit anderen Worten: Wir verlassen nach und nach die Theorie und nähern uns der praktischen Umsetzung.

Schauen wir uns also zunächst an, was sich tatsächlich hinter diesen drei großen ETF-Familien verbirgt.

Die Welt-ETFs

Wenn Anleger von einem Welt-ETF sprechen, beziehen sie sich in der Regel auf ETFs, die den MSCI World Index nachbilden.

Es gibt nicht nur einen MSCI-World-ETF, sondern mehrere. Verschiedene Fondsgesellschaften bieten ihre jeweils eigene Version dieses Index an.

Einige häufig genutzte Welt-ETFs:

  • Vanguard FTSE Developed World
  • Amundi MSCI World
  • iShares Core MSCI World
  • Xtrackers MSCI World

Auch wenn sich die einzelnen ETFs in manchen Details unterscheiden können, bleibt die Grundidee weitgehend dieselbe: in die großen Unternehmen der entwickelten Volkswirtschaften zu investieren.

Konkret bedeutet der Kauf eines Welt-ETFs, dass Sie indirekt an Unternehmen beteiligt sind, mit denen die meisten von uns im Alltag bereits in Berührung kommen oder deren Produkte und Dienstleistungen nutzen: Microsoft, Apple, Nvidia, Amazon, Alphabet, Nestlé, ASML, SAP, Siemens, Toyota oder LVMH. Sie investieren also weder in ein einzelnes Unternehmen noch in einen einzigen Wirtschaftssektor. Stattdessen beteiligen Sie sich an der Entwicklung eines großen Teils der entwickelten Weltwirtschaft.

Nehmen wir ein bewusst vereinfachtes Beispiel.

Stellen wir uns zwei Anleger vor, die jeweils über 10.000 € verfügen.

Der erste Anleger entscheidet sich dafür, ausschließlich die Aktie eines einzigen Unternehmens zu kaufen. Gerät dieses Unternehmen in ernsthafte Schwierigkeiten, kann ein erheblicher Teil seines Vermögens davon betroffen sein.

Der zweite Anleger investiert dieselben 10.000 € in einen Welt-ETF. Sein Geld wird dadurch auf mehrere hundert Unternehmen verteilt, die in verschiedenen Ländern tätig sind und unterschiedlichen Branchen angehören. Einige werden wachsen, andere werden an Wert verlieren, doch sein Ergebnis hängt deutlich weniger vom Schicksal eines einzelnen Unternehmens ab. Genau diese Diversifikation erklärt einen großen Teil der Beliebtheit von Welt-ETFs bei langfristig orientierten Anlegern.

Dieser Ansatz bietet noch einen weiteren Vorteil: Man muss nicht versuchen, die Gewinner von morgen auszuwählen. Niemand weiß heute, welche Unternehmen in zehn oder fünfzehn Jahren am erfolgreichsten sein werden. Wer in einen Welt-ETF investiert, akzeptiert diese Unsicherheit und entscheidet sich einfach dafür, am allgemeinen Wachstum der großen Unternehmen der entwickelten Volkswirtschaften teilzuhaben.

Das bedeutet natürlich nicht, dass das Risiko verschwindet. Die Märkte können schwierige Phasen durchlaufen, und auch ein Welt-ETF kann während einer Börsenkrise an Wert verlieren. Der entscheidende Unterschied besteht jedoch darin, dass sich das Risiko auf eine deutlich größere Anzahl von Unternehmen verteilt als bei einer Investition, die sich nur auf wenige einzelne Aktien konzentriert.

Aus diesem Grund gilt der Welt-ETF oft als eines der einfachsten Instrumente, um den Wachstumsanteil eines langfristig aufgebauten Vermögens abzubilden.

Zusammengefasst:

  • Sie investieren in mehrere hundert Unternehmen.
  • Sie sind über verschiedene Länder und zahlreiche Branchen diversifiziert.
  • Sie sind nicht vom Erfolg eines einzelnen Unternehmens abhängig.
  • Sie setzen auf das Wachstum der entwickelten Weltwirtschaft als Ganzes.
  • Einfachheit und Diversifikation gehören zu den größten Stärken eines Welt-ETFs.

S&P-500-ETFs

Wenn Anleger vom S&P 500 sprechen, beziehen sie sich auf einen Index, der die 500 größten börsennotierten Unternehmen der Vereinigten Staaten umfasst. Wie beim MSCI World bieten auch hier mehrere Fondsgesellschaften eigene ETFs an, die diesen Index nachbilden.

Konkret bedeutet der Kauf eines S&P-500-ETFs, dass Sie in Unternehmen wie Microsoft, Apple, Nvidia, Amazon, Alphabet, Meta, Berkshire Hathaway, JPMorgan oder Visa investieren.

Viele Anleger sind überrascht zu erfahren, dass ein Welt-ETF bereits einen erheblichen Anteil an US-Unternehmen enthält. Die großen amerikanischen Konzerne nehmen darin einen sehr bedeutenden Platz ein. Der eigentliche Unterschied liegt daher nicht in den Unternehmen selbst, sondern in ihrer Gewichtung innerhalb des Portfolios. Mit einem S&P-500-ETF konzentrieren Sie Ihre gesamte Aktienanlage auf die Vereinigten Staaten, während Sie mit einem Welt-ETF zwar ebenfalls stark in amerikanische Unternehmen investiert bleiben, gleichzeitig aber auch Anteile aus Europa, Japan, Kanada, Australien und anderen entwickelten Volkswirtschaften halten.

Mit einem S&P-500-ETF trifft man daher eine deutlich konzentriertere Entscheidung: Man setzt nicht mehr auf die Gesamtheit der entwickelten Volkswirtschaften. Stattdessen räumt man den Vereinigten Staaten eine nahezu ausschließliche Stellung im Portfolio ein.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel. Stellen wir uns zwei Anleger vor, die jeweils über 20.000 € verfügen.

Der erste Anleger investiert in einen Welt-ETF. Sein Portfolio ist dadurch über die Vereinigten Staaten, Europa, Japan, Kanada, Australien und weitere entwickelte Volkswirtschaften verteilt.

Der zweite Anleger investiert in einen S&P-500-ETF. Sein Portfolio ist ausschließlich den großen amerikanischen Unternehmen ausgesetzt.

Sollten die USA den Rest der Welt weiterhin übertreffen, könnte der zweite Anleger bessere Ergebnisse erzielen. Entwickeln sich jedoch andere Regionen der Welt günstiger, profitiert der erste von seiner breiteren Diversifikation.

Genau hier liegt der eigentliche Unterschied.

Der Anleger, der den S&P 500 bevorzugt, geht in der Regel davon aus, dass die großen amerikanischen Unternehmen auch künftig eine dominierende Rolle in der Weltwirtschaft spielen werden. Wer sich für einen Welt-ETF entscheidet, bevorzugt dagegen eine breitere geografische Streuung seines Investments.

Keine dieser beiden Herangehensweisen ist zwangsläufig besser als die andere. Sie unterscheiden sich lediglich durch den Grad ihrer Konzentration. Und das ändert nichts daran, dass auch der S&P 500 bereits sehr breit diversifiziert ist. Fünfhundert Unternehmen bilden schon eine äußerst solide Grundlage für den langfristigen Vermögensaufbau.

Zusammengefasst:

  • Sie investieren in die 500 größten amerikanischen Unternehmen.
  • Sie profitieren von einer breiten Diversifikation, die geografisch jedoch stärker konzentriert ist.
  • Sie geben der amerikanischen Wirtschaft einen zentralen Platz in Ihrem Portfolio.
  • Sie erhalten Zugang zu einigen der einflussreichsten Unternehmen der Welt.
  • Das Wachstumspotenzial ist hoch, die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten jedoch ebenfalls.

Europa-ETFs

Europa-ETFs umfassen die wichtigsten börsennotierten Unternehmen des europäischen Kontinents. Im Gegensatz zum MSCI World, der mehrere Weltregionen abdeckt, oder dem S&P 500, der sich ausschließlich auf die Vereinigten Staaten konzentriert, besteht ihr Ziel darin, Anlegern eine Beteiligung an den großen europäischen Unternehmen zu ermöglichen.

Wie bei den anderen ETF-Familien bieten auch hier mehrere Fondsgesellschaften ihre eigene Version an.

Einige häufig genutzte Europa-ETFs:

  • Amundi STOXX Europe 600
  • iShares STOXX Europe 600
  • Xtrackers STOXX Europe 600
  • Amundi MSCI Europe

Hinter diesen ETFs stehen einige der größten Unternehmen Europas, darunter LVMH, Nestlé, ASML, SAP, Siemens, Schneider Electric, Allianz, Airbus oder Unilever.

Konkret bedeutet die Investition in einen Europa-ETF, dass Sie Ihr Portfolio auf die großen europäischen Unternehmen konzentrieren, anstatt auf die gesamte entwickelte Weltwirtschaft zu setzen.

Dieser Ansatz hat eine interessante Besonderheit: Viele Anleger leben und arbeiten bereits in Europa. Sie kennen die europäischen Unternehmen, ihre Marken und ihr wirtschaftliches Umfeld oft besser. Manche bevorzugen daher eine stärkere Investition in eine Region, die sie nach eigener Einschätzung besser verstehen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel.

Stellen wir uns eine Person vor, die ihr Leben zwischen Frankreich und Deutschland verbringt. Wahrscheinlich nutzt sie bereits Produkte oder Dienstleistungen von Unternehmen wie LVMH, Airbus, Siemens, Allianz oder SAP. Mit einem Europa-ETF wird sie indirekt Anteilseignerin vieler Unternehmen, die bereits heute Teil ihres Alltags sind.

Der Nachteil dabei ist, dass die Diversifikation geringer ausfällt als bei einem Welt-ETF. Der Anleger verzichtet weitgehend auf die direkte Beteiligung an den großen amerikanischen Konzernen wie Microsoft, Apple, Nvidia, Amazon oder Alphabet, die heute einen wichtigen Platz in der Weltwirtschaft einnehmen.

Das erklärt auch, warum Europa-ETFs häufig eher als Ergänzung denn als vollständiger Ersatz für einen Welt-ETF genutzt werden.

Der Anleger, der einen Europa-ETF bevorzugt, ist in der Regel der Ansicht, dass europäische Unternehmen weiterhin attraktiv bleiben und möchte ihnen einen größeren Platz in seinem Portfolio einräumen. Wer sich dagegen für einen Welt-ETF entscheidet, bevorzugt eine breitere Streuung seines Investments über mehrere Regionen der Welt.

Wie beim S&P 500 ist keine dieser Herangehensweisen grundsätzlich besser als die andere. Sie spiegeln lediglich unterschiedliche Entscheidungen in Bezug auf die geografische Diversifikation wider.

Zusammengefasst:

  • Sie investieren in die wichtigsten europäischen Unternehmen.
  • Sie investieren in Unternehmen wie LVMH, Nestlé, ASML, SAP, Siemens oder Airbus.
  • Sie geben dem europäischen Kontinent den Vorzug gegenüber der Weltwirtschaft als Ganzes.
  • Die Diversifikation bleibt zwar erheblich, ist jedoch begrenzter als bei einem Welt-ETF.
  • Europa-ETFs werden häufig als Ergänzung innerhalb eines breiter aufgestellten Portfolios genutzt.

Ein reales Portfolio sollte nicht nur aus einem einzigen ETF bestehen

Nachdem wir die Welt-ETFs, die S&P-500-ETFs und die Europa-ETFs kennengelernt haben, könnte man leicht zu dem Schluss kommen, dass es nun ausreicht, sich für einen davon zu entscheiden und über viele Jahre hinweg regelmäßig zu investieren.

Für manche Anleger kann dieser Ansatz vollkommen ausreichend sein, und viele Vermögen werden tatsächlich rund um einen einzigen ETF aufgebaut, der Monat für Monat regelmäßig bespart wird. Diese Lösung hat den Vorteil, einfach, übersichtlich und langfristig leicht umzusetzen zu sein.

Aber wenn ein Vermögen dazu bestimmt ist, mehrere Jahre Freiheit vor dem Renteneintritt zu finanzieren, ist Wachstum nicht mehr die einzige Priorität.

Stellen wir uns eine Person vor, die plant, in fünf Jahren dank des aufgebauten Kapitals vollständig mit dem Arbeiten aufzuhören. Kommt es wenige Monate vor diesem Zeitpunkt zu einem starken Börsenrückgang, ist die Situation nicht dieselbe wie für einen Anleger, der noch weitere zehn Jahre investiert bleiben möchte. Im einen Fall handelt es sich lediglich um einen vorübergehenden Rückgang. Im anderen kann eine solche Korrektur das gesamte Vorhaben oder zumindest einen Teil davon infrage stellen.

In dieser Situation muss das Kapital natürlich weiter wachsen. Gleichzeitig muss es aber auch in der Lage sein, seine Aufgabe zu erfüllen, wenn der Zeitpunkt des Ausstiegs näher rückt. Genau aus diesem Grund bauen viele Anleger ihr Vermögen nicht mehr ausschließlich rund um eine einzige Anlage auf. Stattdessen organisieren sie es nach und nach in verschiedene Vermögensbausteine, von denen jeder eine bestimmte Funktion erfüllt.

Ein Teil des Vermögens bleibt in den Märkten investiert, um langfristig weiter zu wachsen. Ein anderer Teil wird in stabileren oder jederzeit verfügbaren Anlagen gehalten. Manche Menschen ergänzen ihr Portfolio außerdem um einen kleinen Goldanteil, um die Gesamtstabilität des Vermögens zu stärken.

Der Gesamtwert des Vermögens bleibt derselbe. Die Art und Weise, wie dieses Vermögen organisiert ist, kann jedoch völlig unterschiedlich sein.

Mit der Zeit ähnelt ein Vermögen oft eher einem Werkzeugkasten als einer einzelnen Geldanlage. Jeder Baustein hat darin seinen festen Platz und erfüllt eine bestimmte Aufgabe.

In der FireBridge-Logik ist diese Unterscheidung von entscheidender Bedeutung. Der Aufbau einer finanziellen Brücke besteht nicht nur darin, genügend Kapital anzusammeln, um mit dem Arbeiten aufzuhören. Man muss auch sicherstellen, dass dieses Kapital seine Aufgabe weiterhin erfüllen kann, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, diese Brücke tatsächlich zu überqueren.

Deshalb betrachte ich ETFs nicht als die alleinige Antwort auf alle Fragen der Vermögensplanung, auch wenn sie heute einen zentralen Platz in meinem Portfolio einnehmen und den wichtigsten Wachstumsmotor meines Vermögens darstellen. Sie sind jedoch nicht die einzigen Bestandteile des Systems.

Persönlich betrachte ich Vermögen lieber als eine Sammlung sich ergänzender Bausteine und nicht als eine einzige Geldanlage. ETFs nehmen dabei einen wichtigen Platz ein, weil sie Wachstum und Diversifikation ermöglichen. Liquidität und sicherere Anlagen erfüllen dagegen eine andere Funktion: Sie sorgen für Stabilität und stellen sicher, dass jederzeit verfügbare Mittel vorhanden sind, wenn die Märkte eine schwierige Phase durchlaufen. Auch ein kleiner Goldanteil kann seinen Platz haben, um die Widerstandsfähigkeit des Gesamtvermögens zu erhöhen.

Wenn sich die Märkte positiv entwickeln, richtet sich die Aufmerksamkeit ganz natürlich auf die ETFs. Je näher jedoch das Ziel rückt, mit dem Arbeiten aufzuhören, desto wichtiger werden die Sicherheitsbausteine des Portfolios. Sie sind dann genauso wichtig wie der Wachstumsanteil selbst.

Die Wahl der ETFs ist also nur ein Teil der Gleichung. Genauso wichtig ist die Frage, wie das gesamte Vermögen strukturiert und organisiert wird.

Denn Vermögen aufzubauen bedeutet nicht nur, die richtigen Investitionen auszuwählen. Es geht auch darum, ein System zu schaffen, das weiterhin funktioniert, wenn die Märkte weniger günstig werden.

Mit dieser Denkweise beschäftigen wir uns ausführlicher in den kommenden Artikeln der neuen Rubrik Vermögen aufbauen.