
Eine Vermögensallokation entsteht nie im luftleeren Raum. Zwei Anleger können dieselben ETFs nutzen und dasselbe Ziel eines vorzeitigen Ruhestands verfolgen, ohne deshalb dasselbe Portfolio aufzubauen. Eine Allokation ist nicht nur eine Frage der Rendite – sie hängt vor allem von der persönlichen Situation jedes Einzelnen ab.
Eine 30‑jährige Person, die gerade erst mit dem Investieren beginnt, geht in der Regel anders mit Risiko um als jemand, der 58 Jahre alt ist und in einigen Jahren den Übergang in den Ruhestand plant. Dennoch können beide ein ähnliches Ziel verfolgen: Schritt für Schritt mehr finanzielle Freiheit aufzubauen. Der Unterschied liegt nicht nur in ihren Ambitionen, sondern auch in den Rahmenbedingungen und Herausforderungen, mit denen sie konfrontiert sind.
Zeit ist oft die wichtigste Variable, die berücksichtigt werden sollte. Je länger der Anlagehorizont ist, desto leichter lassen sich kurzfristige Schwankungen an den Märkten verkraften. Umgekehrt gewinnt der Kapitalerhalt zunehmend an Bedeutung, je näher ein finanzielles Ziel rückt. Was mit 30 Jahren sinnvoll erscheint, ist nicht unbedingt genauso passend, wenn ein FIRE Bridge oder der Ruhestand in greifbare Nähe rückt.
Das bereits aufgebaute Vermögen spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Jemand, der bereits über ein beträchtliches Kapital verfügt, gestaltet seine Vermögensallokation anders als ein Anleger, der sich noch in der Vermögensaufbauphase befindet. Im ersten Fall besteht das Hauptziel häufig darin, das vorhandene Vermögen weiter wachsen zu lassen. Im zweiten Fall geht es oft stärker darum, die bereits erzielten Fortschritte zu schützen und gleichzeitig ein angemessenes Wachstum aufrechtzuerhalten.
Schließlich hat auch die Sparfähigkeit einen großen Einfluss auf die möglichen Entscheidungen. Wer regelmäßig jeden Monat investieren kann, ist in der Regel eher bereit, Marktschwankungen zu akzeptieren, da das Portfolio kontinuierlich weiter aufgebaut wird. Dagegen wird jemand, der seinem Ziel bereits nahe gekommen ist und nur noch begrenzt sparen kann, naturgemäß größeren Wert auf Stabilität legen.
Drei Fragen, die Sie sich stellen sollten, bevor Sie eine Allokation festlegen
Bevor Sie überhaupt einen ETF, eine bestimmte Aufteilung oder konkrete Prozentsätze auswählen, lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Eine gute Allokation beginnt nicht mit der Auswahl der Anlageprodukte, sondern mit einem klaren Verständnis der eigenen Situation.
Drei Fragen helfen dabei, die meisten Fehler zu vermeiden.
1. Wie viel Zeit steht Ihnen tatsächlich zur Verfügung?
Zeit ist wahrscheinlich die wichtigste Variable.
Ein Anleger, der ein Ziel in zwanzig Jahren verfolgt, kann stärkere Schwankungen akzeptieren als jemand, der in fünf oder sechs Jahren einen FIRE Bridge aufbauen möchte. Bei einem langen Anlagehorizont lassen sich vorübergehende Marktrückgänge meist leichter verkraften: Die Zeit ermöglicht es, mehrere Marktzyklen zu durchlaufen und die Investitionen ihre Wirkung entfalten zu lassen.
Umgekehrt wird der Schutz des Kapitals immer wichtiger, je näher ein Ziel rückt. Eine größere Marktkorrektur wenige Jahre vor einer Übergangsphase kann wesentlich stärkere Folgen haben als zu Beginn der Vermögensbildung.
Liegt Ihr Ziel in fünf, zehn oder zwanzig Jahren?
2. Wie weit sind Sie bereits auf Ihrem Weg gekommen?
Zwei Personen können genau dasselbe Ziel verfolgen und sich dennoch an völlig unterschiedlichen Punkten ihrer finanziellen Entwicklung befinden.
Die ersten 20.000 oder 50.000 Euro Vermögen aufzubauen, wirft andere Fragen auf als die Verwaltung eines Portfolios im Wert von mehreren Hunderttausend Euro. Im ersten Fall steht häufig das Wachstum des Vermögens im Vordergrund. Im zweiten geht es zunehmend darum, das bereits Erreichte zu schützen und gleichzeitig weiter voranzukommen.
Mit wachsendem Vermögen verändert sich auch der Umgang mit Risiken ganz natürlich. Ein Marktrückgang wirkt sich anders aus, wenn man 15.000 € investiert hat oder kurz davorsteht, ein Ziel zu erreichen, das mehrere Jahre Übergangszeit finanzieren könnte.
Die Allokation sollte daher nicht nur Ihr Ziel widerspiegeln, sondern auch den Punkt, an dem Sie heute auf Ihrem Weg stehen.
3. Fließt weiterhin neues Geld in Ihr Portfolio?
Die Sparfähigkeit wird oft unterschätzt, obwohl sie die möglichen Entscheidungen stark beeinflusst.
Wer regelmäßig jeden Monat investiert, verfügt über einen wichtigen Vorteil: Das Portfolio wächst unabhängig von der jeweiligen Marktlage kontinuierlich weiter. Phasen sinkender Kurse werden dadurch nicht nur als Rückschläge wahrgenommen, sondern können auch Chancen sein, zu günstigeren Bewertungen zu investieren.
Umgekehrt werden Schwankungen schwieriger auszugleichen, wenn ein Ziel näher rückt und der Großteil des Kapitals bereits aufgebaut ist. Das Portfolio hängt dann stärker von dem bereits angesparten Vermögen ab und weniger von neuen Einzahlungen.
Mit anderen Worten: Jemand, der noch 1.000 € pro Monat investiert, geht mit Risiken anders um als jemand, der seine Vermögensaufbauphase nahezu abgeschlossen hat.
Diese drei Fragen reichen nicht aus, um die perfekte Allokation zu bestimmen. Sie helfen jedoch zu verstehen, warum zwei Personen mit demselben Ziel zu sehr unterschiedlichen Vermögensaufteilungen gelangen können.
Zwei Situationen, zwei mögliche Allokationen
Stellen wir uns zwei Anleger vor, die genau dasselbe Ziel verfolgen: den Aufbau eines FIRE Bridge, der acht Jahre bis zum Ruhestand überbrücken soll.
Der erste Anleger ist 35 Jahre alt, hat bereits 20.000 € investiert und kann monatlich 800 € sparen. Der zweite ist 58 Jahre alt, verfügt schon über ein Finanzvermögen von 250.000 € und plant, in sechs Jahren den Übergang in den Ruhestand zu gestalten. Trotz eines ähnlichen Ziels unterscheiden sich ihre Rahmenbedingungen erheblich. Der erste hat noch viel Zeit vor sich und kann stärkere Kursschwankungen akzeptieren. Der zweite besitzt bereits einen großen Teil des benötigten Kapitals und wird häufig versuchen zu vermeiden, dass ein starker Marktrückgang sein Vorhaben verzögert.
| Anleger A | Anleger B | |
|---|---|---|
| Alter | 35 Jahre | 58 Jahre |
| Kapital | 20 000 € | 250 000 € |
| Monatliche Sparrate | 800 € | Niedriger |
| Horizon d’investissement | Lang | Kurz |
| Hauptpriorität | Wachstum | Kapitalerhalt |
Eine effektive Asset-Allokation ist daher nicht diejenige, die um jeden Preis die höchste Rendite anstrebt. Entscheidend ist vielmehr, dass sie zu Ihrem Anlagehorizont, Ihrem Vermögen und Ihrer Fähigkeit passt, auch schwierigere Marktphasen auszuhalten.
Der oft unterschätzte Faktor: die Risikotoleranz
Zwei Anleger mit ähnlichen Voraussetzungen können dennoch zu sehr unterschiedlichen Allokationen gelangen. Der Grund dafür ist einfach: Nicht jeder reagiert auf Marktschwankungen auf dieselbe Weise.
Auf dem Papier erscheint es relativ einfach, einen Rückgang von 20 % oder 30 % zu akzeptieren. In der Realität ist es jedoch eine ganz andere Erfahrung, wenn vorübergehend mehrere Zehntausend Euro aus dem eigenen Portfolio verschwinden. Manche Anleger investieren auch in solchen Phasen gelassen weiter. Andere bevorzugen es, ihr Risiko zu reduzieren, um nachts ruhiger schlafen zu können.
Eine gute Asset-Allokation ist daher nicht nur diejenige, die in einer Tabellenkalkulation optimal aussieht. Sie ist vor allem diejenige, die Sie auch dann beibehalten können, wenn die Märkte eine schwierige Phase durchlaufen.
Der häufigste Fehler
Einer der häufigsten Fehler besteht darin, ein Portfolio aufzubauen, das risikoreicher ist, als man tatsächlich verkraften kann. Solange die Märkte steigen, scheint alles perfekt zu funktionieren. Kommt es jedoch zu einer starken Korrektur, wird die gewählte Asset-Allokation plötzlich deutlich schwieriger durchzuhalten.
Manchmal ist es besser, eine etwas geringere Rendite in Kauf zu nehmen und dafür eine Asset-Allokation zu wählen, die man zehn oder fünfzehn Jahre lang durchhalten kann, als einer maximalen Performance nachzujagen und dabei dauerhaft unter Stress zu stehen.
Es gibt keine perfekte Asset-Allokation.
Jede Situation ist anders. Es wäre daher überraschend, wenn alle Anleger bei derselben Allokation landen würden. Eine für eine Person passende Allokation ist nicht zwangsläufig auch für eine andere die richtige Wahl.
Die beste Asset-Allokation ist letztlich diejenige, die Ihren Anlagehorizont, Ihr vorhandenes Vermögen, Ihre Sparfähigkeit und Ihre persönliche Risikotoleranz berücksichtigt.
Und wie geht es weiter?
Der Aufbau einer kohärenten Asset-Allokation ist ein wichtiger Schritt. Doch selbst die beste Aufteilung wird Sie Ihrem Ziel nicht näherbringen, wenn es an Regelmäßigkeit fehlt. Langfristig spielt die Fähigkeit, Jahr für Jahr konsequent zu investieren, oft eine ebenso wichtige Rolle wie die Auswahl der Vermögenswerte selbst.
Artikel 8 – Warum regelmäßiges Investieren wichtiger ist als der perfekte Einstiegszeitpunkt
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